Stellen Sie sich vor, Sie seien ­– noch oder wieder – jung und in der Situation von Lernenden. Vor Ihnen liegt eine Aufgabe, die so formuliert ist: Definieren Sie den Begriff „Weisheit“! Was folgt, ist vom Lehrer als Hilfestellung gedacht: Beschreiben Sie möglichst verschiedene Situationen zu unterschiedlicher Zeit, in denen sich „Weisheit“ bewährt hat. Entfalten Sie das Thema in der dialogischen Form eines Theaterspiels. Seien Sie ungeachtet des abstrakten Themas unterhaltsam!

Wir drei Autoren hatten dafür – anders als in der Schule oder Universität – alle Zeit der Welt und einen kühlen Kopf. Das ist das Privileg des Alters.

In unserem Spiel tritt gleich zu Anfang ein Sprechchor auf. Sie hören erst unverständliche Wortfetzen, manches klingt wie „sofie“ oder „Fil o sofi“, womit wir beim Thema sind. Diogenes tritt auf, ein antiker griechischer „Filosof“ und zwei, die darum bitten, seine Schülerinnen zu sein. Schon erste Fragen führen aber den Lehrer an seine Wissensgrenzen. Er will eine Antwort von Sophia erzwingen. Sophia ist heute ein gebräuchlicher Vorname griechischen Ursprungs. Für uns Autoren ist sie – der ursprünglichen Bedeutung dieses Wortes entsprechend – die Personifikation der Weisheit schlechthin. Von Diogenes bedrängt, fällt sie (das erste Mal) in Ohnmacht. Da kann nur ein liebevoller Kuss Abhilfe schaffen – nur nicht von dem zudringlichen Diogenes!

Für uns Autoren charakterisiert Sophias „Hinfälligkeit“ die geringe Achtung von Weisheit in der gegenwärtigen Kultur. (Alters)weisheit scheint von „neueren Erkenntnissen“ schnell überholt zu werden, zu veralten und störend überflüssig zu sein.

Wir haben nach weiteren Figuren gesucht, die schon namentlich als „Weise“ bekannt sind. Nathan, der Weise, – eine literarische Figur, die Lessing im Geist der Aufklärung entwickelt hat. Dann der biblische König Salomo, der Weise, dessen Weisheit sich in der Entscheidung eines Rechtsstreites kund tut. In einer späteren Szene sind es die bekannten weihnachtlichen Weisen aus dem Morgenland, denen Sophia ihre Meinung sagt. In diesen „Reigen kluger Geister“ reihen sich auch unerwartete Gestalten ein. Sie werden nicht überrascht sein, Faust hier zu entdecken. Warum aber Heidi ? Uns reizt , dieses Naturkind mit Sophia, die ja sonst nicht viel redet, ins Gespräch zu bringen. Und der kleine Prinz ? Warten Sie’s ab! Sogar ein Clown ist mit von der Partie. Der ist schwerlich ein Förderer von Weisheit – ausser: Weisheit erfreue sich auch an fröhlichem Gelächter. Die taube Katrin – einziges überlebendes Kind der Mutter Courage – hat ihre eigene Weisheit, um schlafende Bürger vor einem Überfall zu warnen. Auch Jeanne d’Arc weiss zu helfen, wenn der Thronanwärter vor Angst nicht aus noch ein weiss. Und Claire Zachanassian – dieses Landei aus Güllen, das sich Gerechtigkeit mit Geld zu erkaufen sucht? Will sie als alte Dame ihr Vermögen in Zürich verstecken? Hat sie sich ins Theater nur verirrt?

Später wagten wir den Schritt aus unserer eigenen abendländischen Kultur hinaus. Mit Hilfe von Bertholt Brecht gewannen wir Laotse zu einem Besuch auf der Alp. Und ein alter Mann erzählt von der überdauernden Weisheit seiner afrikanischen Mitmenschen.

Auch eine Souffleuse auf der Bühne ist ungewöhnlich. Sie sollte eher im Verborgenen wirken –oder? Dauernd meint sie Diogenes erklären zu müssen, wer als nächster ins Spiel kommt. Aber vielleicht sind diese Informationen auch für das Publikum hörenswert.

Für uns Autoren ist dieses „Stück“ ein Spiel. Wir bitten, das ernst zu nehmen!

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